Zur Rekonstruktion
Obwohl gleichsam zu den Großproduktionen und ästhetischen
Höhepunkten der Ufa gehörend, befindet sich ZUR CHRONIK VON
GRIESHUUS (1923-25) heute im Schatten anderer Großproduktionen,
die in der gleichen Periode entstanden, wie DIE NIBELUNGEN (1922-24)
oder DER LETZTE MANN (1924). In den meisten Standardwerken der Filmgeschichte
wird er erwähnt, doch wird er selten gezeigt und wenn, dann lediglich
in Form einer gekürzten US-Version.
Ein Grund für das allmähliche Vergessen des Films mag darin
liegen, dass der Regisseur Arthur von Gerlach weitaus weniger bekannt
ist als Fritz Lang oder Friedrich Wilhelm Murnau. Als er im Premierenjahr
des GRIESHUUS-Films im Alter von nur 49 Jahren starb, hinterließ
er das schmale Oeuvre von zwei Filmen: VANINA - DIE GALGENHOCHZEIT (1922)
und eben ZUR CHRONIK VON GRIESHUUS. Eine mögliche Regietätigkeit
bei einigen Fern Andra - Filmen ist nicht nachgewiesen.
Thea von Harbou, zu dieser Zeit neben Carl Mayer die wichtigste Drehbuchautorin
der UFA, war für die Adaption von Theodor Storms Novelle verantwortlich.
Die Popularität Storms während der 1920er Jahre sowie seine
Stellung als Heimatdichter waren zusammen mit der in der Heidelandschaft
angesiedelten Geschichte aus dem 17. Jahrhundert über die Liebe
eines Adligen zu einer Magd, den Bruderzwist um das väterliche
Erbe und schließlich den Brudermord ein willkommenes Material
für eine Großproduktion der UFA. Es ist kein Zufall, dass
von Harbou auch die Adaption der Nibelungenlegende besorgte. DIE NIBELUNGEN
war das andere, gleichzeitig produzierte Großprojekt der UFA,
mit der ZUR CHRONIK VON GRIESHUUS nicht nur das enorme Budget und die
freie Hand für den Regisseur gemein hatte, sondern auch den nationalistischen
Aspekt des Stoffs, gemäß der Absicht der Gründerväter
der Ufa, ein positives Deutschlandbild zu verbreiten.
Vor allem aber bezieht ZUR CHRONIK VON GRIESHUUS seinen filmhistorischen
Stellenwert dadurch, dass er ein typischer Film der UFA unter dem Produktionsleiter
Erich Pommer ist. Der Film fällt genau in die Stilrichtung, die
Pommer als Verkaufsstrategie entwickelt hat, einer Mischung historischer
und mysthischer Stoffe, dargeboten in einer stilisierten Inszenierung.
Auf diese Weise suchte er kommerzielle Erwägungen mit künstlerischen
Ambitionen erfolgreich zu verbinden.
ZUR CHRONIK VON GRIESHUUS erfüllt alle Merkmale dieser Produktionspolitik:
In fast zweijähriger Drehzeit entstand der Film in den Studios
der UFA in Neubabelsberg ebenso wie an Originalschauplätzen in
der Lüneburger Heide. In Tagesberichten informierte die Presse
über die Dreharbeiten und zeigte sich beeindruckt über den
Aufwand, mit dem die mittelalterlichen Bauten naturgetreu nachgebildet
wurden. Die hier entstandenen Architekturen übertreffen selbst
den hohen Standard der UFA: So wurden die Heideburg der Familie Grieshuus,
die Kirche und das Gasthaus in voller Größe von den Architekten
Robert Herlth und Walter Röhrig nach Bauplänen Hans Poelzigs
errichtet.
Auf der Besetzungsliste fanden sich neben UFA-Star Lil Dagover so etablierte
Darsteller wie Paul Hartmann, Rudolf Forster und Gertrud Welcker.
Kein Geringerer als Fritz Arno Wagner übernahm die Kamera. Er hat
die düstere Stimmung der Heide ebenso eingefangen, wie es ihm gelang,
die massigen Bauten mittels gewagter Kamerawinkel hervorzuheben. Seiner
Kameratechnik ist es zu verdanken, dass der Film nicht dem Kitsch von
von Harbous Drehbuch, das sich auf die melodramatische Seite der Liebesgeschichte
konzentriert, erliegt.
Mit anderen Großproduktionen teilt GRIESHUUS das Schicksal, von
der UFA bereits kurz nach der Premiere am 11. Februar 1925 gekürzt
worden zu sein. Unterschiedlich gekürzte und getitelte Versionen
wurden sogar parallel vertrieben. Vermutlich aus kommerziellen Erwägungen
heraus beabsichtigte die Ufa eine Konzentration auf die melodramatische
Liebesgeschichte, was an dem Titel JUNKER HINRICHS VERBOTENE LIEBE deutlich
wird.
Die Restaurierung versucht, sich dem ursprünglichen Charakter des
Films wieder anzunähern. Grundlage war ein im Bundesarchiv-Filmarchiv
Berlin/ Koblenz verwahrtes Originalnegativ des Films. Ergänzend
wurden ein Duplikat der US-Version, ebenfalls aus dem Bundesarchiv-Filmarchiv,
sowie überlieferte Teile der Partitur von Gottfried Huppertz aus
der Sammlung des Filmmuseums Berlin, herangezogen. Auf Grundlage dieser
Quellen sowie der im Originalnegativ erhaltenen Einstellungsnummerierung
der Cutter wurden im Laufe der Zeit entstandene Schnittfehler korrigiert.
Fehlende Teile konnten durch die US-Version ergänzt werden.
Unter den im Originalnegativ vorhandenen Blitztiteln verschiedener Typografie,
die offenbar für die alternierenden Versionen verwendet wurden,
konnte mithilfe der Partitur die früheste Typografie identifiziert
werden.
Die Restaurierung des Films fand 2004/ 2005 in Zusammenarbeit von Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung,
Wiesbaden und Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin/ Koblenz statt. L'Immagine
Ritrovata, Bologna war für die technische Realisierung zuständig.
Anke Wilkening
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
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