Restaurierung und Sicherung von Filmen der Murnau-Stiftung
Hinter dem allgemein gebräuchlichen Begriff
Restaurierung verbergen sich sehr unterschiedliche Formen der Bearbeitung,
die mehr oder weniger starke Eingriffe in einen Film beinhalten. Da
bis in die 1950er Jahre Nitrozellulose als Trägermaterial diente,
ist dieses häufig Gegenstand bei der Restaurierung des Filmstocks
der Murnau-Stiftung. Der Erhaltungszustand dieses feuergefährlichen
und sich selbst zersetzenden Materials bestimmt zu einem großen
Teil die Form der Bearbeitung. Liegt ein überliefertes Filmmaterial
in einer technisch guten sowie inhaltlich weitestgehend vollständigen
Fassung vor, so wird eine Sicherung vorgenommen. Das Material wird ohne
größere technische Eingriffe dupliziert und auf diese Weise
konserviert. Aber auch, wenn sich ein Originalmaterial bereits in Zersetzung
befindet und eine Konservierung dringend notwendig ist, wird eine Sicherung
vorgenommen. Eine Restaurierung dagegen kann sowohl stärkere technische
als auch inhaltliche Eingriffe in ein – unzulänglich - überliefertes
Material beinhalten. Einer
Restaurierung liegen idealerweise Originalmaterialien zugrunde –Originalkameranegative
und zeitgenössische Vorführkopien. Diese enthalten die originalen
Bildinformationen (Lichtbestimmung, Virage, Überblendungen, Format).
Sie sind gleichsam ein Dokument der jeweiligen technischen Standards
einer bestimmten Produktionszeit des Films und ein Garant der fotografischen
Qualität des restaurierten Films. Nicht nur in Bezug auf die Bildqualität, sondern
auch auf den Inhalt ist die Arbeit mit Originalen entscheidend. Das
eine Original schlechthin gibt es nicht, sondern Versionen, die die
unterschiedlichen zeithistorischen Einflüsse auf einen Film belegen.
Zwischen Kunst und Kommerz stehend, war und ist Film nicht nur Ausdruck
des kreativen Geistes von Drehbuchautoren, Regisseuren, Filmarchitekten,
Produzenten oder Schauspielern, sondern vor allem kommerzieller, kulturpolitischer,
aber auch ideologischer Erwägungen. Produzenten, Verleiher und
Zensoren im In- und Ausland haben veranlasst, dass Filme umgeschnitten,
gekürzt, mit anderen Titeln oder Dialogen versehen wurden. Daher
steht man vor der Frage, welche dieser Versionen restauriert werden
soll, welche historisch relevant ist. Da auch die Antwort auf diese
Frage vom Zustand der Überlieferung abhängig ist, gilt: je
mehr Originalmaterialien zusammengetragen, vergleichend betrachtet und
ausgewertet werden, umso historisch zuverlässiger das Ergebnis
der Restaurierung. Selbst viele Kanonfilme waren lange Zeit nur als historisch fragwürdige Versionen in schlechter Bildqualität verfügbar. Da in der Vergangenheit ein systematisches und kollektiv zugängliches Wissen um den Bestand von Originalmaterialien in den Archiven weltweit nahezu inexistent war, war eine umfassende Recherche nach diesen Materialien kaum möglich. In dieser Zeit entstandene Restaurierungen konnten nur selten auf Originalmaterialien zurückgreifen und hielten sich daher an Umkopierungen häufig hoher Generation. Aufgrund der Feuergefährlichkeit des Nitromaterials
verfolgten viele Archive lange Zeit die Praxis, diese Originale nach
erfolgter Sicherung zu vernichten. Standards der Kopiertechnik, die
an die kommerziellen Bedürfnisse der Film- und Fernsehindustrie
angepasst waren, sowie eingeschränkte finanzielle Möglichkeiten
einer Kulturpolitik, in der der Erhalt der Filmkultur eher im unteren
Bereich der Prioritäten rangiert, konfrontierten jedoch die Filmarchive
mit einer unzureichenden Umkopierungstechnik. Eine Technik, die den
technischen und ästhetischen sowie durch Alterung bedingten Besonderheiten
des historischen Films nicht angemessen war, hatte einen negativen Einfluss
auf die Qualität vieler Sicherungen (unruhiger Bildstand, einkopierter
doppelter Bildstrich, einkopierte Schrammen, mangelhafte fotografische
Qualität, s/w Umkopierungen von viragierten Materialien, Umkopierungen
im falschen Bildformat, Tonknacker, Lautstärkeschwankungen etc.).
Insofern müssen viele Filme, obwohl sie gesichert sind, dennoch
als verloren gelten, denn allzu oft ist die dem Film eigene Visualität,
sein fotografischer Charakter dem Prozess des Duplizierens zum Opfer
gefallen. Basierend auf Originalmaterialien und mit Hilfe analoger und
auch digitaler Techniken entstanden, die den spezifischen Anforderungen
des historischen Films angepasst sind, verdeutlichen die jüngeren
Restaurierungen, wie wichtig ein grundsätzliches Erhalten von Nitromaterialien
ist. Im Bereich der digitalen Bearbeitung und Restaurierung
hat man Möglichkeiten, die über die der analogen Duplizierung
weit hinaus gehen. Diesen Vorteil hat die Murnau-Stiftung vor allem
bei der digitalen Bearbeitung einiger Agfacolor Filme genutzt. Im Fall
von DIE FRAU MEINER
TRÄUME und DIE
FLEDERMAUS liegen gute Positivkopien vor, die direkt vom Originalnegativ
gezogen wurden, doch zeigen beide Materialien deutlich die Grenzen der
analogen Duplizierung auf: die chemischen Prozesse, die inzwischen die
Farben der Originalnegative beeinträchtigt haben, machen sich in
den Kopien deutlich bemerkbar. Beide Filme wurden aufwendig digital
bearbeitet. Gleiches gilt für MÜNCHHAUSEN,
der bereits als analoge Restaurierung vorlag und für die Auswertung
auf DVD digital nachbearbeitet wurde. Am Ende der fotochemischen Ära und mitten im digitalen Zeitalter stehen die Filmarchive vor einer großen Herausforderung: der Frage nach den für historische Filme angemessenen Anwendungsformen digitaler Technik. Einerseits wird das Potential der digitalen Ära, die Überwindung der aus dem analogen Bereich bekannten Grenzen in der Restaurierung, weiter vorangetrieben, andererseits wiederholt sich hier eine Problematik, die bereits aus der analogen Kopiertechnik bekannt ist: eine Weiterentwicklung der Technik wird in erster Linie von kommerziellen Bedürfnissen bestimmt, die nicht immer mit denen eines Kulturauftrags der Filmarchive deckungsgleich sind.
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